Warum lohnt der Erhalt der Robotron-Kantine?

Warum ist das Gebäude wichtig?

In den 1960er Jahren galten Rechentechnik und Mikroelektronik als zukunftsweisende Technologien, auf deren Entwicklung man große Hoffnungen setzte. Diese Bedeutung sollte durch die Stadtortwahl, und architektonische Gestaltung des Robotron-Areals unterstrichen werden. Der neue Industriestandort wurde in direkter Innenstadtnähe mit Übergang zum Großen Garten als eine der größten und qualitätsvollsten Baumaßnahmen der 1960er und 1970er Jahren in Dresden entwickelt.
Die Robotron-Kantine als eines der letzten erhaltenen Bestandteile der einstigen Anlage diente jahrzehntelang als Treffpunkt für die seinerzeit große Belegschaft von Robotron. Zudem wurden die künstlerisch ausgestalteten Räumlichkeiten bereits für Veranstaltungen genutzt, und sind daher auch als kultureller Standort in der Erinnerung der Stadtgesellschaft präsent.

  • Gebäude als Bestandteil eines der größten und qualitätvollsten Baumaßnahmen Ende 1960er/ Anfang 1970er Jahre in Dresden, gleichzeitig Bestandteil der baulichen Fassung innenstadtnaher Bereiche am Übergang zwischen Innenstadt und Großem Garten
  • Gebäude für gastronomische Versorgung der Belegschaft, zusätzlich auch kulturell genutztes Objekt und dadurch in Erinnerung der Stadtgesellschaft
    • Zahlreiche Kulturveranstaltungen und Betriebsfeiern bei denen das das betriebseigene Ensemble aus Tänzern, Musikern, Akrobaten, Jongleuren, Zauberern und Puppenspielern auftrat
    • Amateur-Kabarett „Die Lachkarte“ (Gründer: Wolfgang Stumph), Ursprung der Herkuleskeule

Was macht die Architektur besonders?

Die Robotron-Kantine war kein Typenprojekt, sie wurde individuell entworfen, um in diesem besonderen Ort ihre Funktion als Treffpunkt für die Robotron-Belegschaft zu erfüllen. Den Architekten Herbert Zimmer, Peter Schramm und Siegfried Thiel gelang es, aus den damals verfügbaren vorgefertigten Bauelemente eine eigenständige und qualitätvolle Architektur zu entwickeln, die den damaligen Fortschrittsoptimus ausdrückt. Die serielle Produktion und Anwendung von Bauteilen wurde zu dieser Zeit als zukunftsweisend angesehen, weil sie einen schnellen und effizienten Aufbau von gesellschaftlicher Infrastruktur ermöglichen sollte. Im Geiste dieser Hoffnung steht eine Liebe zum Raster, die sich nicht nur in den konstruktiven Merkmalen, sondern auch in dekorativen Elementen wie den Betonformsteinen im Innenraum ausdrückt.
Architekturhistorisch betrachtet, ist die Robotron-Kantine Zeugnis einer Zeitepoche, in der die serielle Vorfertigung als Chance und noch nicht als Einschränkung der architektonischen Gestaltung betrachtet werden könnte. Etwa ab Mitte der 1970er Jahre wurde die Typisierung ganzer Gebäude in vielen Bereichen zum Standard, individuelle Gestaltungsideen schienen aufgrund der wirtschaftlichen Situation kaum mehr umsetzbar.
Die ursprüngliche architektonische und künstlerische Ausgestaltung der Robotron-Kantine ist bis heute gut erhalten. Das Gebäude bietet so einen anschaulichen Eindruck von der zur Bauzeit üblichen Zusammenarbeit von Künstlern und Architekten. Brüstungselemente wurden aus Betonformsteinen von Friedrich Kracht gefertigt. In den Sälen befinden sich hochwerig verzierte Wandflächen mit Formsteinen von Eberhard Wolf.

  • kein Typenbau, sondern eigens für diesen Ort entworfen
  • basiert auf getypten Elementen, die kreativ zu einem qualitätvollen Bau koponiert wurden
  • architekturhistorisch von Relevanz, danach (Mitte der 1970er Jahre) setzte sich die massenhafte Anwendung von Typenbauten in sehr vielen Bereichen durch
  • wesentliche Ausstattung mit Kunst am Bau – Brüstungselemente (F. Kracht, K-H. Adler, Betonformsteinwände in großen Esssälen von E. Wolf)
  • Ästhetik des Seriellen (Betonformsteine als Wandgestaltung im Inneren), Zeitgeschmack: Liebe zum Raster
  • Vom Originalzustand ist sehr viel vorhanden, nur etwas patiniert

Mehrwert aus dem Erhalt

Auch unabhängig von ihrer architekturhistorischen Bedeutung bietet die Robotron-Kantine einige Qualitäten, die unbedingt für ihren Erhalt sprechen. Das großzügige, multifunktional nutzbare Gebäude kann als zentral gelegener Möglichkeitsraum für kulturelle Nutzungen und als Ort der Austausches für eine vielfältige Stadtgesellschaft genutzt werden, ohne dass Geld und Ressourcen in Abriss und Neubau investiert werden müssen.
Die Robotron-Kantine stellt in mehrerlei Hinsicht eine wichtige Ergänzung zu den bestehenden kulturellen Orten Dresdens dar. Einerseits ist sie eines der wenigen Zeugnisse der Moderne, bzw. Nachkriegsmoderne in Dresden und steht zugleich für die Dresdner Tradition als „Silicon Saxony“. Andererseits ist sie bereits als Standort für kulturelle Veranstaltungen bekannt und kann perspektisch als Treffpunkt ohne konfessionelle oder parteiliche Bindung entwickelt werden, der die Lingnerstadt als direkte Nachbarschaft so wie die vielseitigen Interessengruppen der Dresdner Stadtgesellschaft in Dialog bringt.
Es gibt bereits mehrere Initiativen, die anbieten, die Robotron-Kantine in diesem Sinne zu entwickeln. Mit dem Abriss der Kantine und einer Umwandlung in Grünfläche würde diese Chance verpasst und das enorme Potential des Standortes verschenkt.

  • großes, multifunktionell nutzbares Gebäude in Zentrumsnähe
  • Bestandsbau, Sanierung möglich
  • Bewahrung von grauer Energie (Bilanzrechnung!), zugleich Erhalt eines wichtigen Zeitzeugnisses der Mikroelektronik in Dresden, der Stadtgeschichte, des Bauschaffens der 1960er Jahre in Dresden
  • nach heutigen Maßstäben sehr großzügig angelegtes Raumangebot, wichtig für Stadtgesellschaft als Ort des Austauschs ohne konfessionelle/ parteiliche Bindung und zentraler „Versammlungsort“ der neuen Lingnerstadt

Gelungene Umnutzungen

Bauten der 1960er und 1970er Jahre wird derzeit als eigenständig Architekturepoche erschlossen und evaluiert. Davon zeugen Denkmalgutachten und Unterschutzstellungen, die in den letzten Jahren vielerorts ausgesprochen wurden, aber auch zahlreiche Tagungen und Fachpublikationen. Diese Entwicklung beschränkt sich nicht auf die Ostmoderne, sondern betrifft ebenso Architekturen in den sogenannten alten Bundesländern.
Mit dem kürzlich wiedereröffneten Kulturpalast hat Dresden bereits ein Gebäude aus dieser Architekturepoche erfolgreich entwickelt. Die Substanz des 1969 eröffneten Baus eignete sich hervorragend zur Anpassung an die neuen Nutzungen. Beim Umbau des Kulturzentrums konnten jedoch viele bauzeitliche Merkmale nicht erhalten werden. Diese Chance besteht nun bei der Robotron-Kantine, die zudem ein ergänzendes Angebot zum Kulturpalast aufnehmen würde.
Über ganz Deutschland verteilt gibt es viele Initiatvien, die sich in den jeweiligen Städten für den Erhalt und eine kulturelle und/oder soziale Umnutzung von Bauten der 1960er und 1970er Jahre einsetzen. Eine junge Generation sieht in den Bauten nicht mehr eine Ideologie der Vergangenheit, sondern Potentiale für die Zukunft. Bestehende, untergenutzte Räume in zentraler Lage bieten sich als Möglichkeitsräume für eine vielfältige Stadtgesellschaft an. Es gibt bereits einige Beispiele in denen eine solche Umnutzung gelingt. Dazu gehören der KUNSTPavillon Eisenach, das Rechenzentrum Potsdam als temporäres Kunsthaus, aber auch das Ihme-Zentrum in Hannover mit einer Zukunftswerkstatt, die sich für nachhaltige Stadtentwicklung einsetzt. In Berlin hat die Stadt mit dem Haus der Statistik ebenfalls ein Projekt begonnen, in dem neben städtischen Wohnungsbaugesellschaften auch kulturelle und soziale Initiativen in die Entwicklung des leerstehenden Gebäudes am Alexanderplatz einbezogen werden. Auch Dresden hat mit der Robotron-Kantine die Möglichkeit, ein beispielhaftes Projekt in diese Richtung zu entwickeln. Diese Chance gilt es zu nutzen!

  • wiedereröffneter Kulturpalast Dresden als zentraler kultureller Punkt
  • Wartburg-Pavillon Eisenach
  • Es liegt im Trend der Zeit, die Bauten der 1960er und 1970er Jahre als eigenständige Vertreter eines Architekturschaffens in Wert zu setzen, erhalten zu werden und neuen Nutzungen zuzuführen (Bürgerschaftliches Engagement – Bsp. Potsdam, Fachhochschule, Bauten der DDR sollen nicht „komplett“ ausgelöscht werden, „junge“ Generation geht ohne ideologische Vorurteile ran und beurteilt Gebäude nach objektiven Punkten, sieht Vorzüge im Bestand (grüne Wiese statt multifunktional nutzbares Gebäude schafft keinen Mehrwert, Ausgleichsflächen können woanders geschaffen werden)